Straßburger Protokoll (28.1.2004)

Korrigiertes entgültiges Protokoll von Dr. Becker (F):
Gespräch zum Thema „Imidacloprid und Bienenschutz“
in Straßburg am 28.01. 2004
Ergebnisprotokoll (Entwurf)

Teilnehmer von französischer Seite:
Dr. Becker Albert: Mediziner + General Secretär des Syndicat Nationale d’Apiculture, SNA, ca. 35.000 Imker davon mehr als 1600 Berufsimker,
Dr. Pottiez Michel: Veterinär, Gesundheitsobmann des SNA
Dr. Schweitzer Paul: Chemiker, Verantwortlicher des Analytiklabor CETAM-L
Herr Anchling Francis: Geschäftsführer SNA
Teilnehmer von der AG der Institute für Bienenforschung in Deutschland:
Dr. Rosenkranz BI Hohenheim, Vorsitzender der AG
Dr. Schulz BI Mayen, 2. Vorsitzender der AG, hat Versuche mit Imidacloprid
durchgeführt
Dr. Wallner BI Hohenheim, hat Versuche mit Imidacloprid durchgeführt
Dr. von der Ohe BI Celle, hat Versuche mit Imidacloprid durchgeführt

Ziel der Gespräche von Seiten der Vertreter der AG Bieneninstitute war dreierlei:
Vertreter der französischen Imkerorganisationen kennen zu lernen.
Unterschiedliche Beurteilungen von Völkerverlusten und Pflanzenschutz-Maßnahmen (Imidacloprid) darzulegen und zu begründen.
Prüfen, ob unterschiedliche Ergebnisse bzgl. der Bienentoxizität von Imidacloprid gemeinsam von französischen und deutschen Kollegen überprüft werden können.
Zunächst stellten die französischen Vertreter die Situation aus ihrer Sicht dar:
- Seit 1995 beklagen die Imker in Frankreich erhebliche Völkerverluste. Diese sind zeitlich und räumlich mit der Verwendung von Saatgutbeizung mit den Insektiziden Imidacloprid und Fipronil korreliert. Beide Substanzen seien auch verantwortlich für den Rückgang von anderen Insekten, Fröschen sowie Erkrankungen von Landwirten.
- Die französische Imkerei ist viel stärker berufsständisch geprägt. Daher führen Völkerverluste (mit oft existentiellen Folgen) auch zu härteren und emotionaleren Diskussionen als in Ländern mit überwiegend Nebenerwerbs- und Freizeitimkern.
- Die landwirtschaftliche Praxis bzgl. Pflanzenschutzmittel (Kaufverhalten, Ausbringung, Berücksichtigung von Auflagen) wird nicht ausreichend kontrolliert und kann als unzufriendend bezeichnet werden.
- Es gibt bei den französischen Imkern ein tiefes Misstrauen gegenüber wissenschaftlichen Instituten und zuständigen Behörden. Die Unabhängigkeit von Prüf- und Kontrollorganen wird eindeutig in Frage gestellt. Die zentrale Vergabe von Forschungsaufträgen in diesem Bereich eröffnet zusätzlich Möglichkeiten, über die Mittelvergabe unliebsame Wissenschaftler „kalt zu stellen“. Imidacloprid kritische Wissenschaftler werden z.T. sogar versetzt. Diese Maßnahmen der Regierung werden als feindlich abgewertet und gelten als unterstützung der Bayer AG und der Chemischenpflanzenschutzindustrie.
- Mehrere französische Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass die Empfindlichkeit der Bienen gegenüber Imidacloprid und Fipronil wesentlich niedriger (ca. zwei 10er-Potenzen) liegt als in deutschen Versuchen festgestellt wurde.
- In Maispollen wurden Rückstände von 12 ppb gemessen.
- Großflächige Monitoring-Programme werden derzeit von den Verbänden abgelehnt, da auf grund der Anreicherung von Imidacloprid, Fipronil und anderen giftigen produckten im Boden eine Kontrolle auf unbelasteten Böden nicht möglich ist.

Von deutscher Seite wurde zunächst klar gestellt, dass dieses Gespräch nur dann Sinn macht, wenn akzeptiert wird, dass die anwesenden Vertreter der Bieneninstitute in ihrer Forschung unabhängig sind und nach bestem Wissen versuchen, Ursachen und Lösungen für die Völkerverluste zu finden. Aus Sicht der deutschen Bieneninstitute stellt sich die Situation in Deutschland wie folgt dar:
- Es konnten in mehreren und insgesamt über 7.000 Imker umfassenden Umfragen keine klaren zeitlichen und räumlichen Korrelationen zwischen Völkerverlusten und Saatgutbeizungen nachgewiesen werden.
- Freiland- und Zeltversuche haben bisher keine Hinweise auf messbare Schäden bei Bienenvölkern durch Imidacloprid-Beizungen ergeben.
- Die Völkerverluste sind multikausal zu erklären. Neben Problemen bei der Varroa-Bekämpfung (zu später Beginn, nicht sachgerechte Anwendung von Varroaziden) spielt die Spätsommerpflege vor allem bei zusätzlichen Stressfaktoren (Klima, Pollenversorgung) eine wichtige Rolle)
- Die Versorgung der Bienenvölker – insbes. Pollenversorung – hat auch erheblichen Einfluss auf die Empfindlichkeit gegenüber Varroaziden und Pflanzenschutzmitteln .
- Pflanzenschutzmittel werden durchaus als Problem für die Bienenhaltung gesehen. Neben akuten Vergiftungen, die meist auf Fehler in der landwirtschaftlichen Praxis zurückzuführen sind, können Langzeiteffekte und synergistische Wirkungen nicht ausgeschlossen werden. Dies ist aber keine zufriedenstellende Erklärung für die Völkerverluste 2002/ 2003.
- Im Zulassungsverfahren von Pflanzenschutzmitteln (PSM) müssen umfangreiche Dossiers über Untersuchungen – auch Studien zur Bienengefährlichkeit – vorgelegt werden. Die Studien zur Bienengefährlichkeit wurden früher nur von Bieneninstituten, heute überwiegend von Privatlabors durchgeführt. Die Bieneninstitute treten dafür ein, hierbei auch mögliche Rückstände von PSM in Nektar und Pollen mit zu berücksichtigen.
- Die französischen Labordaten zur Bienentoxizität von Imidacloprid unterscheiden sich von den deutschen Daten um zwei 10-er Potenzen..
Ergebnis
- Die Französische Seite hat die Unabhängigkeit der Deutschen Wissenschaftler zur Kenntnis genommen.
- Die Daten der vorliegenden Umfrage, Zelt- und Feldversuche der Deutschen Institute wurden zur Kenntnis genommen. Es wurde akzeptiert das diese Studien statistisch und wissenschaftlich nicht fundiert sind, wegen Mängel in der Methodologie und der Repräsentativität.
- Die überdurchschnittlichen Völkerverluste in den Französischen Großkulturzonen (Mais und Sonnenblume) sind unwiderruflich den Molekülen Imidacloprid und Fipronil zuzuschreiben. Es ist jedoch eventuell nicht auszuschließen, dass andere multifaktorielle Ursachen sich, zu den Auswirkungen von diesen 2 Molekülen auf die Bienenvölker addieren. Die Vergiftungen durch Imidacloprid und Fipronil ist von Wissenschaftlern und von der Regierungs “ Commission des Toxiques“ als sehr wahrscheinlich und als Hauptursache eingestuft worden. Ein gerichtliches Rechtsverfahren ist in Süd Frankreich im Gange und hat wichtigen neue Fakten ans Licht gebracht, die auch auf die Hauptverantwortung von Fipronil hindeuten .
- Da die Quelle der angesprochenen Deutschen Labordaten nicht vorliegt und die deutschen Institute nicht in der Lage sind diese Analysen durchzuführen, lassen sich wahrscheinlich die Unterschiede dadurch erklären, dass diese Daten vom Hersteller stammen.
- Eine Kooperation zwischen französischen und deutschen Wissenschaftler soll vorbereitet werden um auch in Deutschland Versuche mit einer angepassten wissenschaftlichen Methodologie durchzuführen. Die französischen Kollegen werden sich darum bemühen, dass die zuständigen Labors in Frankreich Kontakt mit der AG Bieneninstitute aufnehmen.
Schlusseinschätzung
Das Gespräch verlief in einer sehr konstruktiven Atmosphäre. Der Informationsaustausch war fruchtbar und man ist dem Ziel, die widersprüchliche Datenlage und Gefährdungseinschätzung von Neonikotinoiden (Imidacloprid, sowie die neuen Molekülen, wie zum Beispiel Clothianidine – Poncho), Fipronil ( wird wahrscheinlich in den nächsten Wochen verboten) und Nachfolgemolekülen auf Bienengefährlichkeit zu klären, ein Stück näher gekommen.

Dr. Peter Rosenkranz Dr. Werner von der Ohe Dr. BECKER